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EUROPA  – Universitäten leben vom intellektuellen Austausch und dem Erforschen von diversen Ideen. Wo, wenn nicht hier, sollte es jungen Menschen freistehen, verschiedene Meinungen zu diskutieren? Dieses wichtige Recht auf Meinungsfreiheit wird an europäischen Universitäten offenbar immer öfter kritisch gesehen, vor allem wenn es um christliche Meinungen geht.

Die Aufgabe einer Hebamme ist es, dafür zu sorgen, dass Kinder gut und wohlbehalten zur Welt kommen. Hält man sich das vor Augen, erscheint die Geschichte von Julia Rynkiewicz noch paradoxer. Ihr Einsatz für ungeborenes Leben hätte für die britische Studentin beinahe das Ende ihrer Karriere bedeutet.
Julia war in ihrem letzten Ausbildungsjahr an der Universität Nottingham und Präsidentin des Pro-Life Vereins „Nottingham Students for Life“. Der Gruppe wurde ursprünglich der Status einer Hochschulgruppe von der Studentenvertretung verwehrt. Die Begründung dafür lautete, dass die Pro-Life-Werte der Gruppe nicht mit jenen der Universität vereinbar wären. Mit der Hilfe von ADF International konnte diese Entscheidung erfolgreich angefochten und ein wichtiges Zeichen für Rede- und Meinungsfreiheit gesetzt werden.

Suspendiert wegen eigener Meinung

Doch Julia selbst wurde suspendiert, nachdem einer ihrer Dozenten bei der Hebammenschule der Universität Beschwerde eingereicht hatte. Ihre Berufseignung sollte untersucht werden. Vorschriften und das Einhalten professioneller Standards gehören für medizinische Fachkräfte zum Berufsalltag, doch die Tatsache, dass die Berufseignung einer Studentin in Frage gestellt wird, nur weil sie mit einer Pro-Life-Gruppe in Verbindung steht, findet ADF International Experte Laurence Wilkinson mehr als bedenklich.
„Vor allem an Universitäten sollte es den Studierenden freistehen, zu diskutieren und Ideen zu erforschen, – auch solche, mit denen sie nicht einverstanden sind. Universitäten sollten sich dafür einsetzen, eine Vielfalt von Ansichten innerhalb der Studentenschaft zu berücksichtigen. Viel mehr noch, sollten sie diese und den respektvollen Austausch darüber sogar fördern“, so der Jurist. Julias Fall ist bezeichnend für eine zunehmende Zahl von Universitäten in ganz Europa, an denen Meinungsfreiheit offenbar kritisch gesehen wird.

Neue Kultur der Zensur

Von Beginn an waren Universitäten Orte des intellektuellen Austauschs und der Debatte. Deswegen ist es umso bedauerlicher, wenn der Meinungsaustausch, der gerade für kontroversielle Themen so notwendig ist, durch Zensur unterbunden wird. Die Katholische Hochschulgemeinde und das Wiener Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie hatten im November 2017 zu einer Diskussion über „Gender: pro und contra“ in die TU Wien geladen. Aus der Veranstaltung wurde ein Paradebeispiel dafür, wie der redliche Versuch einer akademischen Debatte boykottiert, verhindert und unmöglich gemacht wurde. Eine Gruppe Demonstranten drang in den Hörsaal ein und schrie über Minuten hinweg so laut, dass eine Debatte unmöglich wurde. Etwas, wofür es nun, ein paar Jahre später, bereits einen gängigen Begriff gibt: „Cancel-Culture“.

Cancel-Culture bedeutet, jemanden öffentlich zu boykottieren, seine Auftritte zu unterbinden oder zu stören, jemanden und seine Ansichten auszuradieren. Diese Kultur weitet sich in immer weitere Bereiche des täglichen Lebens aus: Sprachregelungen in Medienanstalten, TV-Sendern und im Internet, Verhaltens- und Sprachregeln am Arbeitsplatz oder auf dem Uni-Campus. Immer mehr Bereiche des Lebens werden dadurch zu „meinungsfreien“ Zonen. Ein weiterer Begriff für dieses Phänomen lautet „Gericht der öffentlichen Meinung“. Mit juristischen Standards hat Cancel-Culture jedoch wenig zu tun. Es braucht dabei keine erfüllten, juristischen Tatbestände, moralische Urteile reichen. Das macht sie auch so umstritten. Cancel-Culture verändert die Kultur der Debatte, indem sie nach subjektiven Kriterien und entlang ideologischer Bruchlinien auszugrenzen versucht. Wenn jeder für einen falschen Schritt öffentlich boykottiert und vernichtet werden kann, schüchtert das ein.

Europaweite Entwicklung

Auch in Deutschland sehen sich Hochschulgruppen, die den christlichen Glauben praktizieren oder für den Lebensschutz eintreten, zunehmend mit Schwierigkeiten bei der Akkreditierung konfrontiert, sei es durch die Hochschulverwaltung, die Studentenvertretung oder sogar die Kulturministerien der Bundesländer.

„In staatlichen Schulen fühlen sich viele Christen in ihrem Recht auf Meinungs- und Bekenntnisfreiheit eingeschränkt“, schildert Wolfgang Stock. Er leitet den Verband evangelischer Bekenntnisschulen in Deutschland. Auch er erlebt hier Angriffe von Seiten der Medien und Öffentlichkeit. „Viele Journalisten, aber auch Politiker und Verwaltungsmitarbeiter, kennen die Rechtslage zu wenig. Wir informieren und melden uns zu Wort, wenn wir in unseren Freiheiten eingeschränkt werden.“

Weitreichende Folgen

Zahlreiche Professoren machten inzwischen in den USA, in England, aber auch in Deutschland und Österreich die Erfahrung, dass ihre Vorlesungen verhindert, niedergebrüllt oder lautstark gestört wurden, wenn ihre inhaltlichen Positionen auf Widerstand stießen. In England veröffentlichten über hundert Professoren verschiedenster Fachrichtungen im Oktober 2018 eine gemeinsame Erklärung, dass sie sich durch den britischen „Gender Recognition Act“ nicht mehr in der Lage sehen, ergebnisoffen im Themenkomplex Transsexualität zu forschen, zu lehren und zu veröffentlichen, da sie sich ständig Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt sehen. Das parlamentarische Komitee für Menschenrechte veröffentlichte eigens einen Bericht zu dieser steigenden Problemlage und kritisierte die Campuspolitik, die zunehmend „unliebsame“ Meinungen vom Gelände verbanne. Die rege Debatte ist Grundlage für Demokratie und freie Gesellschaft. Was aber voraussetzt, dass alle Seiten gleichermaßen angehört werden.

ADF International unterstützte Julia während der Untersuchungen und die Vorwürfe gegen sie wurden schließlich fallen gelassen. Aufgrund der vorübergehenden Suspendierung konnte sie jedoch nicht alle erforderlichen Prüfungen absolvieren, was eine Verzögerung ihres Studienabschlusses zur Folge hat. „Es ist Julia hoch anzurechnen, dass sie sich nach wie vor darum bemüht, ihre Ausbildung abzuschließen, trotz der vielen Steine, die man ihr seitens der Universität in den Weg gelegt hat. Sie möchte Hebamme werden und sich um schwangere Frauen kümmern. Sie will helfen, Leben zur Welt zu bringen“, sagt Laurence Wilkinson. Julia erhielt von der Universität eine finanzielle Entschädigung für die erlittene Diskriminierung. Kein Student sollte einen derartig entmutigenden Prozess mitmachen müssen, so der Jurist. Dass Studenten sich einer Prüfung ihrer Berufseignung unterziehen müssen, weil andere Studenten oder Universitätsmitarbeiter ihre Ansichten nicht teilen, sei völlig inakzeptabel und an einer Universität fehl am Platz.

Letztendlich gehe es in diesen Fällen auch darum, so Wilkinson, welchen Beruf Christen in Zukunft noch ergreifen können ohne sich verstellen und ihre Meinungen verraten zu müssen. Das Recht, Glaube und Überzeugung frei ausüben zu können, bedingt das Recht auf freie Meinungsäußerung.

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